
Auch in einem geistlichen Haus muss für das leibliche Wohl seiner Bewohner gesorgt sein. Diese Überzeugung ihres Regens Moufang hielten die Mainzer Alumnen in ihrer Chronik fest. Colmars Statuten sahen eine sorgfältige Auswahl des Hauspersonals im Priesterseminar vor: Es sollten „die eines frommen, ehrbaren und friedfertigen Wandels sind“ sein.
In den Anfangsjahren kam man noch mit einer recht kleinen Zahl an Mitarbeitenden aus. Mit dem Wiederaufblühen des Seminars und der steigenden Zahl der Alumnen nach seiner Wiedereröffnung durch Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler wuchs jedoch der Wunsch, neben den bisherigen Angestellten auch Ordensschwestern für die vielfältigen Arbeiten im Seminar zu gewinnen.
Die Aufnahme der Vinzentinerinnen – der Schwestern der Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul – gestaltete sich zunächst schwierig. Von „bösen Zungen in Mainz“ war die Rede, weshalb Bischof von Ketteler zunächst zögerte. Regens Moufang setzte sich persönlich für die Vermittlung ein und nahm nach zwölf Jahren erneut Kontakt zu den Schwestern auf – diesmal mit Erfolg.
1866 begannen die ersten Vinzentinerinnen ihren Dienst im Mainzer Priesterseminar. Fast sechs Jahrzehnte lang prägten sie den Alltag des Hauses. Sie arbeiteten in Küche und Hauswirtschaft, übernahmen die Krankenpflege und sorgten für die Versorgung der Seminaristen. Bis 1923 versahen die Vinzentinerinnen dort ihren Dienst.
1923 zogen sechs Schwestern von der Göttlichen Vorsehung in das Priesterseminar ein. 42 Jahre lang sorgten sie für das Wohl der Alumnen. Ihr Tätigkeitsbereich war vielfältig: Sie kümmerten sich um Küche und Hausarbeit, Wäsche und die Versorgung der Priester, übernahmen die Krankenpflege und den Sakristeidienst und sorgten für die Kirche.
Ihre Jahre im Seminar waren von großen Herausforderungen geprägt. Sie erlebten den starken Zuwachs der Zahl der Alumnen, die Zeit des Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg. Während des Krieges wurde das Seminar weitgehend als Lazarett genutzt. Auch die schwierigen Nachkriegsjahre stellten die Schwestern vor große Herausforderungen. Lebensmittel waren knapp, und nicht selten war ungewiss, woher das notwendige Brot für die Hausgemeinschaft kommen sollte.
So machten sich die Schwestern bisweilen tagelang auf den Weg durch die Gemeinden, um Spenden für das Seminar zu sammeln. Gleichzeitig wuchs die Zahl der Alumnen weiter. Da die Kongregation selbst mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen hatte, konnten keine jüngeren Schwestern ins Seminar geschickt werden. Schließlich mussten die Schwestern ihren Dienst beenden.
Damit entstand im Seminar eine erhebliche Personalnot. Die bereits vorhandenen Mitarbeitenden konnten die zusätzlichen Arbeiten kaum noch übernehmen. Dem damaligen Subregens Eckehard Wolff gelang es durch die Vermittlung von Domkapitular Dr. Ernst Straßer, eine Ordensgemeinschaft zu finden, die bereit war, diese Aufgabe zu übernehmen: die Schulschwestern vom Heiligen Franziskus von Christus dem König. Ihr Mutterhaus befindet sich in Sarajevo im heutigen Bosnien (damals Jugoslawien).
1965 zog zur Verwunderung der Alumnen eine Gruppe junger Frauen durch den Speisesaal in Richtung Küche. Aufgrund der damaligen politischen Verhältnisse waren die Schwestern in Zivilkleidung nach Mainz angereist. Die älteste unter ihnen, Schwester Blazenka, war gerade einmal 25 Jahre alt.
Trotz anfänglicher Sprachschwierigkeiten fanden sich die Schwestern schnell in ihrem neuen Umfeld zurecht und fassten in Mainz Fuß. Einige von ihnen wurden für eine Ausbildung zur Erzieherin, Krankenschwester oder Altenpflegerin freigestellt und konnten ihre erworbenen Kenntnisse anschließend in ihren Dienst einbringen.
Was 1965 mit einer kleinen Gruppe junger Schwestern begann, ist heute ein fester Bestandteil des Lebens im Mainzer Priesterseminar. Im Bereich des Arnsburger Hofes leben sieben Schwestern. Einige von ihnen arbeiten in der Küche, in der Hauswirtschaft und in der Sakristei. Drei weitere wirken in den kroatischen Gemeinden des Bistums Mainz, eine weitere Ordensschwester ist als Gemeindereferentin im Bistum Limburg tätig.
Ihr Wirken beschränkt sich dabei nicht auf die praktischen Bereiche des Seminaralltags. Die Schwestern nehmen ebenso am geistlichen Leben der Hausgemeinschaft teil. In der Franziskuskapelle werden regelmäßig Gottesdienste gefeiert und das Stundengebet gebetet. Durch ihr Gebet, ihre Arbeit und ihre tägliche Präsenz tragen sie wesentlich zur geistlichen Atmosphäre des Hauses bei.
Über sechs Jahrzehnte haben die Franziskanerinnen das Leben des Mainzer Priesterseminars mitgeprägt – in Küche und Hauswirtschaft ebenso wie in Sakristei und gemeinsamem Gebet. Ihr Dienst verbindet die konkrete Sorge um das tägliche Leben mit einem geistlichen Auftrag. So tragen sie dazu bei, dass das Priesterseminar ein Ort des Lebens, des Gebets und der Gemeinschaft bleibt.
Diese Verbindung von Professionalität und Hingabe zeigt sich bis heute auch ganz praktisch im Alltag – nicht zuletzt in der Küche, deren Leitung in den Händen einer ausgebildeten Konditorin liegt.
