Die Priesterausbildung hat in Mainz eine lange Tradition. Ihre Geschichte reicht bis in das 16. Jahrhundert zurück. 1568 wurde in der Stadt ein Jesuitenkolleg gegründet. Nach dessen Zerstörung im Dreißigjährigen Krieg wurden Mainzer Seminaristen zunächst in Würzburg ausgebildet. Am 7. September 1660 stellte der Würzburger Fürstbischof Johann Philipp von Schönborn die Gründungsurkunde des Mainzer Priesterseminars aus. 1662 bezogen die mit der Leitung beauftragten Bartholomiten den „Kronberger Hof“. Nach der Aufhebung des Jesuitenordens 1773 zog das Seminar in das größere Jesuitennoviziat um.
Die Französische Revolution brachte einen tiefen Einschnitt. Am 10. Januar 1803 wurde das Priesterseminar durch die französischen Behörden aufgehoben.
Bereits ein Jahr später begann der Wiederaufbau: Bischof Joseph Ludwig Colmar verfügte am 14. Januar 1804 die Neugründung des Mainzer Priesterseminars. Als Ausbildungsstätte diente das ehemalige Kloster der Augustiner-Eremiten, das bis heute das Seminargebäude ist. Nach einer umfassenden Sanierung begann dort am 30. Oktober 1806 die Priesterausbildung mit zehn Alumnen.
Colmar legte Wert auf die Verbindung von theologischer Bildung, geistlichem Leben und persönlicher Reifung. Zum ersten Regens des neu gegründeten Seminars ernannte er Bruno Franz Leopold Liebermann.
Im 19. Jahrhundert war die Geschichte des Seminars eng mit den politischen und kirchlichen Entwicklungen seiner Zeit verbunden. Zeitweise fand die wissenschaftliche Ausbildung außerhalb des Seminars statt, etwa an der katholisch-theologischen Fakultät der Landesuniversität in Gießen.
Eine neue Blütezeit begann unter Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler. Er führte die philosophisch-theologische Ausbildung wieder stärker im Priesterseminar zusammen und ernannte Christoph Moufang zum Regens. Bedeutende Theologen und Wissenschaftler prägten diese Zeit. Die sogenannte „Zweite Mainzer Theologenschule“ verband wissenschaftliche Theologie mit einer intensiven geistlichen und kirchlichen Prägung. Das Seminar gewann auch über das Bistum hinaus an Bedeutung.
Der Kulturkampf führte erneut zu einem tiefen Einschnitt. Ab 1875 mussten die Mainzer Alumnen ihr Studium in Eichstätt fortsetzen. Erst 1887 konnte das Priesterseminar wieder eröffnet werden.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts standen die theologische und pastorale Ausbildung sowie die Vorbereitung auf den priesterlichen Dienst weiterhin im Mittelpunkt. Eine besondere Persönlichkeit dieser Zeit war Romano Guardini, der von 1908 bis 1910 Seminarist in Mainz war.
Die beiden Weltkriege hinterließen tiefe Spuren. Im Ersten Weltkrieg starben 14 Seminaristen. Während des Nationalsozialismus war das Seminar staatlichen Repressionen ausgesetzt. Im Zweiten Weltkrieg fielen 15 Alumnen; das Seminargebäude wurde im Bombenkrieg fast vollständig zerstört, während die Seminarkirche weitgehend unversehrt blieb.
In der schwierigen Nachkriegszeit wurde Joseph Maria Reuß zum Regens ernannt. Unter seiner Leitung erlebte das Mainzer Priesterseminar eine neue Blütezeit. Seine pastorale Erfahrung und sein Gespür für die Entwicklungen in Kirche und Gesellschaft prägten eine Generation von Seminaristen.
Mit der Wiedereröffnung der Johannes Gutenberg-Universität Mainz am 12. Mai 1946 veränderte sich auch die Priesterausbildung. Das Theologiestudium fand nun an der Universität statt, während die geistliche und pastorale Ausbildung im Priesterseminar verblieb. Die Verbindung von universitärer Bildung und gemeinschaftlichem Leben und Lernen prägt die Priesterausbildung in Mainz bis heute.
1958 erreichte die Zahl der Alumnen mit 155 Seminaristen einen historischen Höchststand.
Die Priesterausbildung hat sich seitdem immer wieder auf neue kirchliche und gesellschaftliche Herausforderungen eingestellt. Prägend war insbesondere die Zeit von Regens Joseph Maria Reuß, unter dessen Leitung das Seminar in den Jahrzehnten vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil eine besondere Ausstrahlung entwickelte.
Heute ist das Priesterseminar zugleich „Haus der kirchlichen Berufe“. Auf dem gemeinsamen Campus gibt es neben der Priesterausbildung weitere Ausbildungsbereiche für pastorale Berufe. Studienbegleitende Ausbildungselemente werden zunehmend kooperativ und berufsgruppenübergreifend gestaltet.
Die Seminaristen studieren Theologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Für bestimmte Studienabschnitte können sie auch eine andere Universität wählen. Das Priesterseminar bietet ihnen einen Ort für gemeinsames Leben, Gebet, geistliche Begleitung und studienbegleitende Ausbildung. Damit verbindet es wissenschaftliche Bildung mit persönlicher und geistlicher Entwicklung.
Die Geschichte des Mainzer Priesterseminars zeigt: Die Formen der Priesterausbildung haben sich immer wieder verändert – durch politische Umbrüche, neue gesellschaftliche Herausforderungen und Entwicklungen in Kirche und Theologie. Geblieben ist der Auftrag, Menschen auf ihrem Weg zur priesterlichen Berufung zu begleiten, sie theologisch, geistlich und menschlich zu fördern und sie auf ihren Dienst in der Kirche vorzubereiten.
Vgl. Helmut Hinkel, „Jesuiten – Bartholomiten – Weltpriester. Kurze Geschichte des Mainzer Priesterseminars“, in: Helmut Hinkel (Hg.), Das Seminar, Mainz 2005, S. 93–117.
