Geschichte des Mainzer Priesterseminars

Geschichte des Mainzer Priesterseminars

Vorgeschichte

Die Priesterausbildung hat in Mainz eine sehr lange Tradition. Bereits 1568 wurde in der Stadt das erste Jesuitenkolleg gegründet, welches 1631 mit der Eroberung der Stadt fast ganz zerstört wurde. Nach dem Dreißigjährigen Krieg war das Jesuitenkolleg (1648) abbruchreif. Während der folgenden Jahre schickte der Würzburger Fürstbischof Johann Philipp von Schönborn (1647–1673), der maßgebend an der Beendigung des Dreißigjährigen Kriegs beteiligt war, die Mainzer Seminaristen zunächst an sein Priesterseminar nach Würzburg. Am 7. September 1660 stellte er die Gründungsurkunde des Priesterseminars aus, 1662 bezogen die Bartholomiten, die er anstelle der Jesuiten mit der Leitung des Seminars beauftragte, den „Kronberger Hof“. Nach der Aufhebung des Jesuitenordens 1773 konnte das Priesterseminar in das nun leer stehende, größere Jesuitennoviziat umziehen. Während der Französischen Revolution begann eine lange Leidenszeit für die Mainzer Kirche und damit auch für das Seminar. Am 10. Januar 1803 wurde es durch den kirchenfeindlichen französischen Präfekten endgültig aufgehoben.

Die Neugründung unter Bischof Colmar

Nachdem das tausendjährige Erzbistum und Kurfürstentum Mainz zusammengebrochen war, gründete Napoleon auf der Grundlage des Konkordats mit Papst Pius VII. das Bistum neu. Am 14. Januar 1804 verfügte der neue Bischof Joseph Ludwig Colmar (1760–1818) die Neugründung des Mainzer Priesterseminars. Dafür wurde ihm das geräumige, aber stark beschädigte ehemalige Augustinereremitenkloster, das heutige Seminargebäude, als Ersatz für die von den französischen Behörden säkularisierte Ausbildungsstätte geboten. Nach der von Napoleon finanziell unterstützten Sanierung begann am 30. Oktober 1806 die Priesterausbildung mit zehn Alumnen in den Räumen des Seminars.

Nach seinen Statuten behielt sich Colmar das Recht vor, den Regens und die Professoren zu ernennen. Die Studiendauer betrug nun mindestens zwei Jahre. Die Alumnen sollten würdig vor Gott wandeln, in allen guten Werken Frucht bringen, durch die Beschäftigung mit der Theologie Gott näher kommen und den Gläubigen durch die Befolgung der Statuten ein Vorbild sein. Colmar ernannte Bruno Franz Leopold Liebermann (1759–1844) zum ersten Regens des Seminars.

Das Priesterseminar des hessen-darmstädtischen „Landesbistums“

Zwölf Jahre nach dem Tod Colmars wurde Joseph Vitus Burg (1829–1833) zum neuen Bischof gewählt, der ein weitgehendes Staatskirchentum vertrat und dem Landesherrn und seiner Regierung erlaubte, sich in kirchliche Belange einmischen zu dürfen. Es kam zu einem heftigen Widerspruch und Widerstand in Kreisen des Mainzer Klerus, da Alumnen nur nach einer staatlichen und kirchlichen Prüfung aufgenommen wurden.

Am 3. Juni 1830 wurde die katholisch-theologische Fakultät an der Landesuniversität in Gießen gegründet, an der die wissenschaftliche Priesterausbildung erfolgen sollte. Erst nach Abschluss des Hochschulstudiums konnten die Alumnen ins Seminar eintreten, in dem sie für zwei Jahre auf den pastoralen Dienst vorbereitet wurden.

Das Seminar unter Bischof Ketteler

Der junge Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler (1850–1877), ein großer Anreger der katholischen Soziallehre, brachte frischen Wind ins Bistum Mainz. Er versuchte, die Freiheit der Kirche aus ihrer staatlichen Bevormundung wieder zu erreichen. Er zog daher die Priesteramtskandidaten von der Landesuniversität ab und stellte das Mainzer Priesterseminar gegen den Willen der hessischen Landesregierung als vollständige philosophisch-theologische Hochschule wieder her. Ketteler übernahm für das neu eröffnete Seminar fast unverändert die bewährten Statuten Colmars. Da ihm ein Kreis von sehr begabten, qualifizierten und jungen Priestern zur Verfügung stand, wagte er diesen Neubeginn. Er wählte Christoph Moufang (1817–1890), späterer Domkapitular und Generalvikar, zum Regens.

Bedeutende Dozenten und Wissenschaftler prägten nun das Mainzer Priesterseminar: unter anderen Johann Baptist Heinrich (1816–1891), der Kirchengeschichtler und spätere Bischof Heinrich Brück (1831–1903, reg. ab 1900), der Kunsthistoriker Friedrich Schneider (1836–1907) und der Kirchenhistoriker Franz Falk (1840-1909).

Diese „Zweite Mainzer Theologenschule“ war wissenschaftlich auf die Pflege der Neuscholastik ausgerichtet. Sie strebte religiös-erzieherisch ein ausgeprägtes Kirchenbewusstsein und damit eine Weiterführung des „Ersten Mainzer Kreises“ unter Colmar und Liebermann an. Die Attraktivität und Ausstrahlung des Seminars war so groß, dass in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Zahl der auswärtigen Studenten die der Mainzer Alumnen überstieg.
Den zweiten folgenschweren, willkürlichen Eingriff in das blühende Seminarleben erlebte das Seminar während des Kulturkampfs. Wegen der 1875 durch den hessischen Staat erlassenen kirchenfeindlichen Gesetze mussten die Mainzer Alumnen ihr Studium in Eichstätt fortführen. Im Zuge der Abmilderung der Kulturkampfgesetze durfte der neue Bischof Paul Leopold Haffner (reg. 1829–1899), der am Seminar Philosophie im Geist der Neuscholastik gelehrt hatte, das Priesterseminar am 3. November 1887 wieder eröffnen.

Das Seminar im 20. Jahrhundert

In den folgenden Jahrzehnten wurde es ruhig ums Seminar und das Flair glich sich den deutschen Seminarien an. Die meisten der früheren Professoren waren wieder tätig. Ihre Nachfolger führten zwar die Tradition im gleichen Geiste wieder fort, aber es fehlte ihnen an Ausstrahlung. Die katholische Soziallehre wurde weitgehend gepflegt, die theoretische und praktische Ausbildung für das Pfarramt stand weiterhin im Mittelpunkt.

Im Oktober 1908 trat der berühmte Religionsphilosoph Romano Guardini (1885–1968) als Seminarist ins Mainzer Seminar ein und wurde im Mai 1910 zum Priester geweiht. Während seiner Seminarzeit – so geht aus seinen Erinnerungen hervor – bedrückte ihn die Atmosphäre der Bevormundung und Bespitzelung.

Im Ersten Weltkrieg starben 14 Seminaristen. Die Nachkriegszeit war geprägt durch materielle Not und die französische Besatzung. Innerhalb des Seminars gab es Spannungen zwischen den beharrenden Kräften und den Alumnen, die von der Jugendbewegung und liturgischen Bewegung geprägt waren. Während des Nationalsozialismus war das Seminar Repressionen ausgesetzt, dennoch stieg die Zahl der Seminaristen 1936/37 auf 145.
Im Zweiten Weltkrieg sorgte sich das Seminar um die Einquartierung und Aufnahme von Ausgebombten, 15 Alumnen fielen. Während die Seminarkirche fast unversehrt blieb, wurde das Priesterseminar im Bombenkrieg fast vollständig zerstört.

In der äußerst schwierigen Nachkriegszeit ernannte Bischof Albert Stohr (reg. 1935–1961) Joseph Maria Reuß (reg. 1945/46-1968; †1985), späterer Weihbischof, zum Regens, eine beeindruckende Persönlichkeit, unter der das Seminar im Vorfeld des Zweiten Vatikanischen Konzils durch seine Kunst der Menschenführung, seine pastorale Erfahrung und programmatische Voraussicht eine dritte Blütezeit erfuhr.

Am 12. Mai 1946 wurde die Johannes-Gutenberg-Universität Mainz wiedereröffnet. Die katholisch-theologische Fakultät wurde durch die Ernennung der Seminardozenten zu Universitätsprofessoren zum ersten ausgestalteten Fachbereich. Die Pastoralausbildung und spirituelle Hinführung verblieb im Priesterseminar. Die Vorlesungen fanden nun außerhalb des Seminars statt, was eine große Umstellung war.
Die Zahl der Alumnen stieg bis 1958 auf 155 an. Reuß folgten im Amt Regens Nikolaus Reinhardt (1969–1984), Rainer Borig (1984–1997), Horst Schneider (1997–2007) und Dr. Udo Markus Bentz (2007-2017). Seit 1. Oktober 2017 ist Dr. Tonke Dennebaum Regens des Priesterseminars.

vgl. Helmut HINKEL, Jesuiten – Bartholomiten – Weltpriester. Kurze Geschichte des Mainzer Priesterseminars, in: Helmut HINKEL (Hg.), Das Seminar, Mainz 2005, S. 93-117.


 

Die Regenten

  • Dr. Bruno Franz Leopold Liebermann (1805–1823)
  • Dr. Andreas Räß (1823–1829)
  • Dr. Markus Fidelis Jäck (1830–1832)
  • Martin Dotzheimer (1832–1835)
  • Dr. Markus Adam Nickel (1835–1851)
  • Dr. Christoph Moufang (1851–1890)
  • Dr. Johann Baptist Holzammer (1890–1903)
  • Georg Heinrich Kirstein (1903)
  • Dr. Joseph Blasius Becker (1904–1920)
  • Dr. Philipp Jakob Mayer (1920–1922)
  • Dr. Joseph Schneider (1922–1928)
  • Dr. Ernst Thomin (1928–1945)
  • Dr. Josef Maria Reuß (1946–1968)
  • Nikolaus Reinhardt (1969–1984)
  • Dr. Rainer Borig (1984–1997)
  • Horst Schneider (1997–2007)
  • Dr. Udo Markus Bentz (2007-2017)
  • Dr. Tonke Dennebaum (seit 1. Oktober 2017)

 

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