„Ein Priesterseminar darf keine religiöse Sonderwelt sein“

Bischof Dr. Kohlgraf, Regens Dr. Dennebaum und Dr. Gerhard Schneider im Gespräch

Pontifikalamt mit Bischof Peter Kohlgraf zum Feiertag des Mainzer Priesterseminars am 8. Dezember 2017

Mainz. Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf hat das Priesterseminar als einen Ort bezeichnet, in dem Menschen ihre persönliche Berufung suchen und entdecken können. „Unabhängig davon, welche konkrete Berufsentscheidung Menschen hier einmal treffen, sollen sie die Erfahrung machen dürfen: Christus hat sich unwiderruflich an mich gebunden, ich bin geliebt und werde gebraucht. Niemand kann mich von Christus trennen. Das Seminar muss in gewisser Weise ein geschützter Raum sein, in dem eine solche behutsame Suche stattfinden und begleitet werden kann, aber es darf keine religiöse Sonderwelt sein“, betonte Kohlgraf in seiner Predigt im Pontifikalamt zum Seminarfeiertag am Freitag, 8. Dezember, in der Mainzer Augustinerkirche.

Der Feiertag des Mainzer Priesterseminars findet traditionell am Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria statt. Eine Berufung zu suchen und zu leben „folge einer Sehnsucht, ist aber keine Welle des Wohlgefühls“, betonte der Bischof weiter. „Daher ist die Gemeinschaft wichtig, die mich trägt und begleitet, wenn der Himmel einmal verschlossen ist. Das Seminar: Ein Haus der Berufung, in dem Menschen einer Sehnsucht und Ahnung nachgehen dürfen, geliebt und gebraucht und in Gottes Augen einmalig zu sein“, sagte Kohlgraf.

Vortrag von Dr. Gerhard Schneider

Dem Gottesdienst schloss sich ein Vortrag von Dr. Gerhard Schneider mit dem Titel „Auslaufmodell Priesterseminar? Neue Konzept für eine alte Institution“ in der Aula des Priesterseminars an. Schneider leitet in der Diözese Rottenburg-Stuttgart die Hauptabteilung Liturgie und Berufungspastoral und war bis 30.November 2017 außerdem Rektor des Propädeutischen Seminars Ambrosianum, in dem sich Abiturientinnen und Abiturienten auf das Theologiestudium und ihre Berufungsentscheidung vorbereiten.

In seinem Vortrag hob Schneider hervor, dass ein Priesterseminar „nicht mehr nur isoliert die Berufung und den Beruf des Priesters“, betrachten sollte, sondern „die pastorale Situation, in der er später arbeiten und leben wird“. Das Seminar werde damit „zu einem Vor-Ort pastoraler Wirklichkeit“. In diesem Zusammenhang plädierte er dafür, dass ein Seminar ein „Haus der kirchlichen Berufe und Berufungen“ sein sollte: Dies nehme den Kerngedanken des Seminars als Priesterausbildungsstätte nichts weg, sondern „stärkt, verheutigt und stützt“ diesen, betonte Schneider. Und weiter: „Anders herum wird in dieser Konzeption auch deutlich, dass die hauptamtlichen Laienberufe gerade auch in ihrer geistlichen Bedeutung aufgewertet und wertgeschätzt werden.“ Gleichzeitig wirke ein Priesterseminar daran mit, dass sich in der Studien- und Ausbildungsphase „ein gemeinsames geistliches Fundament bei künftigen Priestern, Pastoralreferenten, Gemeindereferenten, Religionslehrern und anderen entwickeln“ könne.

Damit werde das Seminar zu einem „geistlichen Zentrum“: „Ein geistliches Zentrum für eine grundlegende Orientierung wie in einem Orientierungsjahr. Ein geistliches Zentrum unterschiedlicher Berufungswege, die ihren selbstverständlichen Platz im oder im Umfeld des Seminars haben. Ein geistliches Zentrum schließlich, an dem gebetet und Gottesdienst gefeiert wird wie an wenigen anderen Orten einer Diözese“, sagte er. Abschließend warb Schneider dafür, dass ein Priesterseminar nicht nur ein „Prägeort priesterlicher, sondern auch diözesaner Identität“ sein sollte. Es sei ein hoher Wert, wenn ein Seminar „inmitten der Diözese steht und wirkt, in dem die späteren Priester wirken und arbeiten“. Denn fast immer geschehe die Sozialisierung und Identifikation mit einer Diözese „wesentlich in der Studien- und Ausbildungszeit“.

Kohlgraf: „Wir wollen innovativ sein“

Dem Vortrag schloss sich ein Gespräch mit Bischof Kohlgraf und Gerhard Schneider an, das von Dr. Tonke Dennebaum, Regens des Mainzer Priesterseminars, moderiert wurde. Im Rahmen des Gespräches betonte Kohlgraf unter anderen, dass er kein Bischof sein wolle, der kirchliche Institution schließen und pastorale Räume vergrößern müsse. „Ich möchte, dass wir unsere Zukunft gestalten. Wir können nicht nur reagieren, wir wollen auch innovativ sein“, sagte er. Zudem wies er darauf hin, dass die Berufungspastoral in der Diözese Mainz ein „Schattendasein“ führe. „Leider ist Berufung noch nicht so sehr ein Thema, wie ich es mir wünsche“, sagte der Bischof.

Stichwort: „Unbefleckte Empfängnis“

Am 8. Dezember feiern die Katholiken das „Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria“. Es wird volkstümlich auch „Unbefleckte Empfängnis“ genannt, was jedoch zu zahlreichen Missverständnissen geführt hat. Die Aussage des Festes lautet, dass Maria, die Mutter Jesu Christi, nach dem Glauben der Kirche vom ersten Augenblick ihres Lebens an (das heißt, als sie selbst von ihrer Mutter empfangen wurde) vor jedem Makel der Erbsünde bewahrt wurde. Biblischer Anknüpfungspunkt für die Lehre von der Erbsünde ist die Erzählung vom Sündenfall aus dem Alten Testament (Buch Genesis). Dort wird Adam als der erste konkrete Mensch dargestellt, aber auch als Typus für den Menschen schlechthin. Mit Erbsünde ist darum nicht eine persönliche Sünde gemeint, sondern die Sündenverfallenheit aller Nachkommen Adams, insofern alle Menschen zur Sünde neigen. Maria wurde also von Gott aus dem Schuldzusammenhang der Erbsünde herausgenommen. Es gehört seit jeher zu den Grundaussagen des katholischen Marienbildes, dass Maria die von Gott erwählte und vom Anfang ihrer Existenz an die begnadete Mutter von Jesus Christus ist.

Der Tag des Hochfestes korrespondiert mit einem älteren Fest, dem 8. September, Mariä Geburt. An dem Tag wurde in Jerusalem eine Kirche der heiligen Anna, der Mutter Marias geweiht. Das Fest der Empfängnis Marias wurde ursprünglich auch „Empfängnis der heiligen Anna“ genannt. Es wird seit dem 8. Jahrhundert gefeiert. Am 8. Dezember 1854 definierte Papst Pius IX. die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis Marias als Dogma (Glaubenssatz).

Foto in druckfähiger Qualität unter www.bistum-mainz.de/presse


© Bild und Text: Alexander Matschak (MBN)

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